Der ehemalige US-Gewerkschaftsboss Andrew Stern wirbt für ein bedingungsloses Grundeinkommen als neuen amerikanischen Traum. Wie passt das zum Arbeitsethos der USA?

ZEIT Interview von Börries Hornemann, 12. Juli 2016

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Andrew Stern auf der Future of Work Conference, Mai 2016, Zürich CH / Foto: NEOPOLIS/Jonas Rohloff

ZEIT ONLINE: Herr Stern, wie passt das zusammen, dass sich gerade ein ehemaliger Gewerkschafter für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzt?

Andrew Stern: Wir müssen für unsere Zukunft Entscheidendes ändern. Die bestehenden Sozialsysteme stammen aus einer Zeit, die wir längst hinter uns gelassen haben. Wir brauchen einen neuen Denkansatz. Deswegen plädiere ich für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

ZEIT ONLINE: Wird damit nicht der Wert von Arbeit herabgesetzt?

Stern: Mein ganzes Berufsleben war darauf ausgerichtet, Jobs zu schaffen. Die Prämisse hieß: Arbeitsplatzsicherheit. Heute sehe ich das anders. 80 Prozent der Jobs, die wir neu schaffen, sind für Geringqualifizierte im Niedriglohnsektor, also keine wirklich guten Arbeitsplätze. Und wenn die Entwicklungen von 3-D-Druckern, autonomen Fahrzeugen und einer weiteren Automatisierung so rasant weitergehen, schaffen wir bald keine schlechten Jobs mehr, sondern schlicht gar keine Jobs mehr.

ZEIT ONLINE: Widerspricht ein Grundeinkommen nicht dem Selbstverständnis von Gewerkschaften, die sich dafür einsetzen, möglichst gute Arbeitsbedingungen zu schaffen?

Stern: Ich war vier Jahre lang auf einer Forschungsreise und habe mit vielen Firmenchefs gesprochen. Arbeitgeber wollen nicht einfach noch mehr Menschen in Arbeit bringen. Im Gegenteil: Sie wollen die Kosten für die Produktion durch Rationalisierung, Ausgliederungen und Technisierung reduzieren. Das hat mich sehr beunruhigt, zumal heutige Softwarelösungen Hunderte Arbeitskräfte einsparen können. Diese Entwicklungen sind nicht aufzuhalten.

ZEIT ONLINE: Wie passt ein Grundeinkommen zum amerikanischen Traum?

Stern: Es ist der nächste Schritt in diese Richtung. In den USA herrscht noch immer strenger protestantischer Arbeitsethos: Arbeite hart, um deinen Kindern etwas Besseres zu hinterlassen, als du es selbst vorgefunden hast. Das kennen Sie auch in Europa. Aber dieses Versprechen der Generationen funktioniert nicht mehr. Wer genau hinschaut, sieht schon länger: Es geht in die entgegengesetzte Richtung. Die Generation Y und die kommenden Generationen werden statistisch schlechtere Karten haben als ihre Vorfahren. Das ist eine erschütternde Erkenntnis. Diese Abwärtsspirale muss beendet werden.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es das Grundeinkommen dann noch in keinem Land der Welt?

Stern: Es sind uralte Denkgewohnheiten, die dem widersprechen. Stellen Sie sich vor, dass Trucks ohne Fahrer fahren dürfen – technisch ist das ja schon möglich. Wir sprechen hier nicht über Science-Fiction, sondern in wenigen Jahren wird das Truckfahren anschlussfrei wegfallen, also dreieinhalb Millionen Jobs in den USA. Hinzu kommen nahestehende Jobs, etwa eine Million Versicherungsmitarbeiter, ein bis zwei Millionen Reparaturwerkstätten, Tankstellen, Motels, Restaurants und so weiter. Ein Heer von Arbeitslosen – beim Wegfall von nur einem Beruf! So werden an vielen Stellen technische Lösungen schlagartig unzählige Menschen arbeitslos machen. Diese Einsicht ist schmerzhaft. Wo sollen auf die Schnelle Jobs für all diese Menschen herkommen? Darauf müssen wir uns jetzt vorbereiten.

Ein Armutszeichen, im wahrsten Wortsinn

 

ZEIT ONLINE: Wie könnte ein Grundeinkommen da helfen? Die Jobs wären doch trotzdem weg.

Stern: Ein Grundeinkommen hilft, dass jeder ein tragendes Standbein hat und sein Spielbein selbstständig entwickeln kann, auch wenn der Job weg ist. Wenn wir dieses Standbein nicht bedingungslos gewähren, verlieren unzählige Menschen in Zukunft völlig ihren Halt. Diese ökonomische Grundbasis sollten wir uns zugestehen. Dann kann das zentrale Credo der Arbeitsgesellschaft wieder fruchtbar sein, nämlich Arbeit als Möglichkeit zum sozialen Aufstieg. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, weil nicht mehr der Staat die Menschen in Arbeit bringt, sondern sie ökonomisch befreit, damit sie sich selbst verwirklichen können. Die meisten Erfindungen und Geschäftsideen scheitern heute, bevor sie versucht werden, aus Angst vor dem sozialen Abstieg.

ZEIT ONLINE: Was wären die Aufgaben der Gewerkschaften in einer durchtechnisierten Gesellschaft mit Grundeinkommen?

Stern: Wir wollen Menschen helfen, daran ändert sich nicht viel. Als große Institution agieren wir auf unterschiedlichen Ebenen. Auf nationaler Ebene, wo allgemeine politische Entscheidungen getroffen werden, müssen wir weiterhin Politik mitgestalten. Eine zweite Gewerkschaftsrolle ist, wie wir in bestimmten Branchen die Arbeit verbessern, anpassen, entwickeln. Auch das bleibt. Ein zentrales Thema wird aber wegfallen: Tarifverhandlungen, denn ein Grundeinkommen ermächtigt jeden Arbeitnehmer, seine individuelle Tarifverhandlung zu führen. Da werden wir künftig eher beraten.

ZEIT ONLINE: Wie sieht das konkret aus?

Stern: Warum sollten sich Gewerkschaften nicht weiterhin intensiv für die Rechte der Arbeitenden einsetzen? Außerdem sehe ich zunehmend Ausbildungsfragen innerhalb der sich ändernden Arbeitswelt – mit oder ohne Grundeinkommen. Es besteht Handlungsbedarf in der Verteilung von Arbeit. Hier könnten sich Gewerkschaften mehr einbringen. Dafür müssen wir allerdings methodisch einiges dazulernen. Für eine Gesellschaft von Selbstständigen oder kurzfristig Angestellten müssen neue Lösungen entwickelt werden.

ZEIT ONLINE: Wie lange wird es dauern, bis ein Grundeinkommen Realität ist?

Stern: Der internationale Diskurs wird derzeit stark beschleunigt. Die Schweizer Volksabstimmung war ein wesentlicher Motor für die Debatte. Die dortige Kampagne haben wir in den USA aufmerksam verfolgt. Auch der Einsatz für ein Grundeinkommen von Kanadas Premier Justin Trudeau bringt das Thema in den USA voran. Die Frage ist, wann einzelne Bundesstaaten es in Experimenten einmal ausprobieren. Dafür brauchen wir nur einen zukunftsgewandten Gouverneur, der sich die Genehmigung einholt, den Sozialstaat effektiver zu gestalten.

ZEIT ONLINE: Warum muss es so schnell gehen?

Stern: Wir haben in den USA ein Armutsproblem. Ein Grundeinkommen könnte helfen, das zu beseitigen. Aktuellen Zahlen zufolge können 47 Prozent der US-Bürger im Notfall keine 400 Dollar auftreiben, weil sie und ihre Freunde das Geld schlicht nicht haben. Das ist ein Armutszeichen, im wahrsten Wortsinn.

Artikel auf ZEIT Online: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-07/bedingungsloses-grundeinkommen-usa-andrew-stern/