In Kenia sollen 6.000 Menschen genug Geld zum Leben bekommen. Das bislang größte Grundeinkommensexperiment soll zeigen, was passiert, wenn man Armen mehr Freiheit gibt.

Quelle: Zeit Online // Ein Gastbeitrag von Michael Faye und Paul Niehaus

Im vergangenen Jahrzehnt ist das Interesse an einem scheinbar unorthodoxen Ansatz gewachsen: Menschen mit sehr wenig Geld zu helfen, indem man ihnen bedingungslos mehr davon gibt. Wie sagt das alte Sprichwort? “Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag …” Die Idee, ihm nicht nur das Fischen beizubringen, sondern einfach Geld zu geben, war bislang wenig verbreitet.

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Sei nicht so naiv – Du kannst armen Menschen nicht einfach Geld geben! Sie werden resignieren und ihr Engagement einstellen! Sie werden sich nur noch betrinken! Diesen Vorurte

ilen liegt die Annahme zugrunde, dass arme Menschen unfähig sind, eigene Entscheidungen für sich zu treffen. Das sollen gefälligst Experten übernehmen!

Wie sich herausstellte, war diese Annahme falsch. In vielen Kontexten und Kontinenten zeigen experimentelle Untersuchungen, dass Menschen nicht aufhören zu arbeiten, um ihre Armut zu überwinden, auch wenn man ihnen Geld gibt. Und keinesfalls betrinken sie sich ausschließlich.

Stattdessen nutzen sie die Geldmittel, um ihre Familie zu ernähren, sie schicken ihre Kinder in die Schule und investieren in Unternehmertum und ihre eigene Zukunft. Selbst eine kurzfristige Kapitalspritze führt zu einer signifikanten langfristigen Verbesserung des Lebensstandards, zur Verbesserung des psychisches Wohlbefindens und zur Verlängerung der Lebenszeit um ein Jahr.

Auf der anderen Seite greifen gut gemeinte Sozialprogramme oft zu kurz. Eine aktuelle Studie der Weltbank kommt zu dem Schluss, dass “Qualifizierung und Mikrofinanzierung wenig Einfluss auf Armut oder Stabilität gezeigt haben, vor allem im Verhältnis zu den Kosten des Programms”. Darüber hinaus erweist sich dieser paternalistische Ansatz oft als vergebliche Liebesmüh: Jesse Cunha von der Stanford University erkennt beispielsweise keine Unterschiede im Ergebnis für Gesundheit und Ernährung zwischen Hilfsprogrammen, die Grundnahrungsmittel bieten oder solchen, die mit gleich hohen Geldtransfers arbeiten.

Entscheidend scheint jedoch zu sein, dass die arme Bevölkerung selbst die Freiheit, Würde und Flexibilität von Geldtransfers schätzt. Laut einer Studie im indischen Bundesstaat Bihar waren über 80 Prozent der Ärmsten bereit, ihre eigenen Lebensmittelkarten weiter zu verkaufen, manche sogar bei einem 25- bis 75-prozentigen Preisverfall.

Zunehmend kommt die Entwicklungspolitik deshalb zu einer neuen Einschätzung, wie Hilfe funktioniert. Die Europäische Kommission gab kürzlich zu bedenken, die Politik solle sich “immer die Frage stellen, warum nicht einfach Geld geben?” So machte auch der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon deutlich, dass “Geld-basierte Hilfsprogramme anderen vorgezogen werden und zur Standardmethode gehören sollten.” Mit anderen Worten: Die Erfahrungen geben den Bargeldhilfsprogrammen recht und erzeugen eine gesunde Debatte darüber, wie Armutsbekämpfung und Entwicklungshilfe reformiert werden könnten.

Es ist Zeit für einen groß angelegten Versuch

Unsere Organisation GiveDirectly will helfen, die extreme Armut von Tausenden Menschen in Hunderten Dörfern Kenias langfristig zu beenden, indem ihnen über einen langjährigen Zeitraum ein Einkommen zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse garantiert ist – ein bedingungsloses Grundeinkommen. GiveDirectly konnte im vergangenen Jahrzehnt schon viel Geld an sehr arme Menschen weitergeben, aber noch nie war es bedingungslos, langfristig und genug für alle Grundbedürfnisse. Wir denken: Jetzt ist es Zeit für einen groß angelegten Versuch.

Die Idee eines Grundeinkommens wird aktuell auf der ganzen Welt diskutiert – sowohl die Mitte-rechts-Regierung in Finnland als auch Kanadas liberale Partei sprechen über ein Pilotprojekt. Unterstützung erhält die Idee in der gesamten politischen Landschaft – auch von libertären Denkern vom Cato Institute sowie Stimmen des liberalen Thinktanks Brookings Institution. Die Schweizer stimmen am 5. Juni in einer Volksabstimmung darüber ab, ihre Verfassung für ein Grundeinkommen zu ändern. Die Debatte hat es in sich, schließlich fließen jährlich Billionen in die Sozialversicherung.

Bilden die Menschen sich weiter? Suchen sie nach besseren Jobs?

Die Frage ist, ob wir von den bestehenden Patchworkprogrammen zur Armutsbekämpfung Abstand nehmen, die jeweils einen einzelnen Missstand wie Nahrung, Wohnung oder Arbeit bekämpfen, und stattdessen einfach ein Grundeinkommen garantieren. Was würde passieren, wenn wir das machen?

Die Befürworter werden sagen, dass ein Grundeinkommen die effizienteste Form der Sozialhilfe ist. Weder setzt es falsche Anreize noch legt es Bedingungen wie die Annahme von Arbeit voraus, um Unterstützung zu erhalten. Mit einem Grundeinkommen ist eine starke Vereinfachung des bürokratischen Aufwands für die Verwaltung komplizierter Sozialprogramme zu erwarten. Aber noch wichtiger: Es vermeidet die Bevormundung, die vielen Sozialprogrammen anhaftet.

Wenn die Seele spazieren geht

Shinrin Yoku auch Forest Bathing liegt voll im Trend: Dass sich der Wellness-Kult aus Japan auch hierzulande stetig wachsender Beliebtheit erfreut, wissen die die Südtiroler Gemeinden Hafling und Vöran. mehr…

Andere glauben, darunter viele Mitglieder der Tech-Community, dass eine solche Überarbeitung des sozialen Sicherheitsnetzes nötig sein wird, um der zunehmenden Automatisierung der Arbeitswelt und der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit zu begegnen. Wieder andere wie beispielsweise Judith Shulevitz sehen ein Grundeinkommen als Möglichkeit, uns in eine “gender-neutrale Welt zu bewegen”.

Die Skeptiker kontern mit den typischen Bedenken, welche immer dann laut werden, wenn es um die direkte Vergabe von Geld geht. Das Hauptargument: Armen Menschen kann nicht vertraut werden, dass sie das Geld sinnvoll verwenden und nicht unnütz ausgeben.

Etwas detailliertere Kritik fragt nach der Bezahlbarkeit eines solchen Grundeinkommens oder setzt dagegen, man könne den Menschen ja gleich ein ganzes Einkommen zur Verfügung stellen.

Im Grunde genommen aber muss die Antwort eine empirische sein: Was sind die Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens, und wie stehen diese im Vergleich zu anderen Formen der Sozialhilfe da?

Genau das wollen wir herausfinden.

Dazu planen wir, mindestens 6.000 Kenianer für zehn bis 15 Jahre mit einem Grundeinkommen auszustatten. Große Teile der Bevölkerung Kenias gehören zu den armutsgefährdetsten Menschen der Welt, die von umgerechnet weniger als einem Dollar pro Tag leben. Außerdem werden wir mit führenden Wissenschaftlern zusammenarbeiten, etwa dem indischen Wirtschaftswissenschaftler Abhijit Banerjee, Professor am Massachusetts Institute of Technology, um konsequent die Auswirkungen zu testen.

Mit konsequent ist gemeint: Der Test muss experimentell sein, sodass wir unvoreingenommene und transparente Einschätzungen der Auswirkungen zeigen können. Zweitens muss er langfristig sein, sodass die Menschen langfristig die Garantie eines Grundeinkommens haben.

Wir wissen schon einiges über die positiven Effekte, die sich zeigen, wenn man Menschen einige Jahre lang Geld gibt. Die entscheidende Frage ist, ob das Wissen um die gesicherte Existenzgrundlage für mehr als ein Jahrzehnt Auswirkungen auf das Verhalten haben wird. Gehen die Menschen mehr Risiken ein? Bilden sie sich weiter? Suchen sie nach besseren Jobs?

Drittens muss die Zahlung innerhalb der definierten Gemeinschaften bedingungslos sein, da das Ziel ist, genauso viel über soziale Gemeinschaft wie über individuelles Verhalten herauszufinden. Bei allen bisherigen Pilotprojekten zum Grundeinkommen waren nicht alle dieser drei Kriterien erfüllt.

Kann so die Armut in der Welt besiegt werden?

Wir denken, diese konsequente Form der Forschung wird etwa 30 Millionen US-Dollar kosten, von denen rund 90 Prozent direkt an extrem arme Haushalte gehen können. Der Rest wird dazu verwendet, das Geld sauber zu transferieren (für Personal, Büro, Gebühren).

Dieses Projekt in einem Schwellenland durchzuführen, wo die Lebenshaltungskosten wesentlich günstiger sind, ermöglicht es uns, genügend Menschen einzubeziehen, um statistisch aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen (ein vergleichbares Experiment würde in den USA ungefähr eine Milliarde US-Dollar kosten).

Gleichzeitig können wir direkt an den politischen Debatten des Schwellenlandes teilnehmen. Somit ergänzt das Projekt die Pläne für Grundeinkommensexperimente der finnischen und der kanadischen Regierung, ebenso wie ein kürzlich vom Start-up-Inkubator Y Combinator angekündigtes Projekt.

Um loszulegen, werden wir die ersten zehn Millionen US-Dollar, die gespendet werden, mit eigenen Mitteln von bis zu zehn Millionen US-Dollar verdoppeln. Im schlimmsten Fall wird dieses Geld den Lebensweg von Tausenden Haushalten mit niedrigem Einkommen ändern; im besten Fall verändert es unser Denken darüber, wie die Armut in der Welt besiegt werden kann.

Die Autoren

Michael Faye und Paul Niehaus sind Entwicklungsökonomen und Gründer der US-amerikanischen Spendenorganisation GiveDirectly. Ihr Grundeinkommensexperiment werden sie am 4. Mai auf der NEOPOLIS-Konferenz “Zukunft der Arbeit” in Zürich vorstellen. Dort diskutieren u.a. der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich, der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis und der Twitter-Investor Albert Wenger darüber, wie Sozialsysteme im Zeitalter der Industrie 4.0 gestaltet werden können.

Quelle: Zeit Online // Ein Gastbeitrag von Michael Faye und Paul Niehaus

Übersetzt aus dem Englischen von Börries Hornemann.